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03|02|12

Ver­brennt die Schulbücher

Ler­nen Schü­ler mit­hilfe des Inter­nets selbst­stän­dig, bedeu­tet dies nicht nur das Aus für Schul­bü­cher, son­dern mög­li­cher­weise auch für Ver­lage und all­wis­sende Leh­rer.

Denn wenn alle Schü­ler mit Lap­tops aus­ge­stat­tet sind (Teil I), kön­nen Lern­in­halte digi­ta­li­siert wer­den, heißt es im Bericht der Enquete-Kommission „Inter­net und digi­tale Gesell­schaft“. Warum auch Lap­top und Bücher mitschleppen?

Lern­in­halte zu digi­ta­li­sie­ren, würde Kin­der­rü­cken und Bank­kon­ten der Eltern scho­nen, die schon bei der Anschaf­fung der Com­pu­ter viel Geld auf den Tisch legen müs­sen. Wich­tig finde ich, dass sich die Schul­buch­ver­lage die­ser Her­aus­for­de­rung recht­zei­tig und mit­hilfe von Exper­ten und Leh­rern stel­len, denn künf­tig müs­sen zwar keine Druck­fah­nen mehr geprüft wer­den, es wer­den aber neue Fähig­kei­ten nötig: Die Schul­buch­ver­lage müs­sen Lern­platt­for­men anbie­ten, bei denen The­men – ähnlich wie bei einem Dos­sier – mit Tex­ten, Videos, Sli­de­shows erläu­tert werden.

Diese müs­sen Schü­lern und Leh­rern bei ihren Recher­chen und Stu­dien als Hafen die­nen, zu denen sie immer wie­der zurück­kom­men, um neue Recherche-Ansätze aus­zu­pro­bie­ren, Wis­sen zu sam­meln und sich auszutauschen.

Bie­ten die Ver­lage so etwas nicht an, wer­den andere Anbie­ter den Markt übernehmen.

Doch neue Com­pu­ter und Inhalte sind nur das eine. Zu Recht wird in dem Bericht ebenso gefor­dert, dass sich die gesamte Lern­si­tua­tion ändern muss:

 

„Digi­tale Tech­nik in Schu­len braucht ein neues Lehr– und Lern­ver­ständ­nis, das den neuen Mög­lich­kei­ten hin­sicht­lich ver­netz­ten, kol­la­bo­ra­ti­ven Ler­nens und indi­vi­du­el­ler Wis­sensan­eig­nung gerecht wird. Inter­net und digi­tale Medien haben den Infor­ma­ti­ons­zu­gang und die Kom­mu­ni­ka­tion über Inhalte und das Ler­nen unum­kehr­bar und grund­le­gend ver­än­dert“ (S.34).

 

In ihrem Bericht schlägt die Kom­mis­sion zudem vor, „vira­les Mar­ke­ting“ ein­zu­set­zen, um Medi­en­kom­pe­tenz zu ver­mit­teln (S.21). Ich denke, gemeint sind hier eher die Metho­den des vira­len Mar­ke­tings, als vira­les Mar­ke­ting an sich.

„Die Beson­der­heit des vira­len Mar­ke­tings ist, dass hier nicht vor­der­grün­dig mit Maß­nah­men der Ver­mitt­lung von Medi­en­kom­pe­tenz gewor­ben wird. So kön­nen bei­spiels­weise im Zusam­men­hang mit Infor­ma­tio­nen zum Daten­schutz in sozia­len Netz­wer­ken inter­ak­tive Gra­fi­ken, Spiele oder Wett­be­werbe zur Betei­li­gung der Nut­zer ein­ge­setzt wer­den. Diese Maß­nah­men sind geeig­net, ein Nach­den­ken über das eigene Ver­hal­ten im Inter­net anzu­re­gen, das dann auch auf andere Anwen­dungs­be­rei­che überg­reift.“ (S.21).

Ich finde die Idee gut, neue Wege aus­zu­pro­bie­ren, um Jugend­li­chen Medi­en­kom­pe­tenz zu ver­mit­teln. Als Bei­spiel wird die Web­seite www.watchyourweb.de genannt (S.22). Sie war Teil einer Kam­pa­gne, die Jugend­li­che zum Nach­den­ken über ihre Privatsphäre-Einstellungen in sozia­len Netz­wer­ken anre­gen sollte.

 

 

 

 

 

 

 

Leh­rer wer­den zu Navigatoren

Medi­en­päd­ago­gik muss für Leh­rer und Hoch­schul­leh­rer ein ver­pflich­ten­der Teil im Stu­dium wer­den. Es reicht nicht, die Schü­ler mit der rich­ti­gen Tech­nik aus­zu­stat­ten. Die Leh­rer müs­sen mit ihr umge­hen kön­nen und ver­stan­den haben, wel­che Mög­lich­kei­ten sich dar­aus erge­ben, um Schü­ler und Stu­den­ten anlei­ten zu kön­nen (vgl. S. 22).

Ich for­mu­liere es noch deut­li­cher: Die Leh­rer der Zukunft müs­sen sich dar­auf ein­las­sen, dass die Mög­lich­kei­ten, die das Inter­net bie­tet, ihre Stel­lung als all­wis­sen­der, aus­schließ­lich ver­mit­teln­der Leh­rer unwie­der­bring­lich zunichte gemacht hat.

Wer­dende Leh­rer müs­sen schon heute in ihrer Aus­bil­dung erfah­ren, dass ihr Beruf künf­tig beinhal­tet, sich auch von ihren Schü­lern Dinge erklä­ren zu las­sen und Wis­sens­ge­biete gemein­sam zu erschließen.

Sie müs­sen ler­nen, ohne Lösungs­wege im Lehr­buch zurecht­zu­kom­men und sich auf Tools ein­las­sen, mit­hilfe derer Schü­ler und Leh­rer gleich­be­rech­tigt zusam­men­ar­bei­ten kön­nen. Sie wer­den künf­tig nicht Wis­sen, son­dern Ori­en­tie­rung wäh­rend der „Wis­sens­be­schaf­fung“ bie­ten müs­sen. In dem Bericht heißt es dazu:

„Der Sach­ver­stän­dige Jür­gen Ertelt wies in der Exper­ten­an­hö­rung der Enquete-Kommission zum Thema Medi­en­kom­pe­tenz am 13. Dezem­ber 2010 zudem dar­auf hin, dass Leh­rende auf­ge­for­dert sind, ihr bis­he­ri­ges Bild von Lehre zuguns­ten von gegen­sei­ti­gem Ler­nen auf­zu­ge­ben. Ihre neue Rolle ist die eines Navi­ga­tors und Kata­ly­sa­tors. Gerade Jugend­li­che sind als Exper­ten anzu­er­ken­nen und für so genann­tes Peer-to-Peer-Teaching zu gewin­nen“ (S.32).

Vater unser vorm Fernseher

Ver­bote, wie zeit­li­che Begren­zung der Inter­net­nut­zung, hel­fen nicht mehr. Sie sind tech­nisch ein­fach nicht mehr durch­zu­set­zen – und sind mei­ner Mei­nung nach nicht mehr sinn­voll. Denn warum sollte man einem Jugend­li­chen ver­weh­ren das Inter­net zu benut­zen, wenn er mit­hilfe einer App die Abfahrts­zeit des nächs­ten Bus­ses abfragt, kurz etwas nach­schla­gen oder seine Nach­rich­ten lesen will?

Inter­net ist nicht nur pas­si­ves Berie­se­lungs­in­stru­ment, wie der Fern­se­her, der die Men­schen von der Rea­li­tät ent­frem­det und Kin­der vom Spie­len abhält. Inter­es­sant ist in dem Zusam­men­hang auch die Par­al­lel­nut­zung der Medien. Denn das Inter­net hat das Fern­se­hen bis­her nicht abge­löst. Laut der KIM-Studie 2010 bleibt es noch das „zen­trale Medium für Kin­der“. „Drei Vier­tel der Sechs– bis 13-Jährigen sehen jeden oder fast jeden Tag fern.“ Durch­schnitt­lich schauen sie dabei 98 Minu­ten am Tag. Auch bei den Jugend­li­chen sieht das nicht anders aus. Die JIM-Studie 2011 zeigt, auch für sie ist Fern­se­hen nach wie vor wichtig.

 

Den Unter­schied zwi­schen Fern­se­hen und Inter­net müs­sen viele Eltern erst ler­nen, da sie mit den pas­si­ven Medien Fern­se­her und Radio auf­ge­wach­sen sind. Sie set­zen Com­pu­tern­nut­zung häu­fig mit Fern­seh­nut­zung gleich und ver­ste­hen die Mög­lich­kei­ten nicht, die das Inter­net bie­tet. Gleich­wohl ahnen sie aber schon, dass es für ihre Kin­der von Vor­teil wäre mit dem Com­pu­ter umge­hen zu kön­nen. In der Zusam­men­fas­sung der KIM-Studie des Medi­en­päd­ago­gi­schen For­schungs­ver­bund Süd­west heißt es dazu:

„Die Eltern ste­hen dem Inter­net häu­fig mit zwei­ge­teil­ter Mei­nung ent­ge­gen: 59 Pro­zent stim­men der Aus­sage zu, dass das Inter­net Kin­der zu „Stu­ben­ho­ckern“ macht, den­noch fin­den 60 Pro­zent „Kin­der soll­ten so früh wie mög­lich an Com­pu­ter gewöhnt wer­den“. Über drei Vier­tel der Haupt­er­zie­her mei­nen, dass Kin­dern der Umgang mit Com­pu­ter und Inter­net in der Schule ver­mit­telt wer­den sollte.“

 

Der Wunsch der Eltern, die Kin­der sol­len den Umgang mit PC und Inter­net bit­te­schön in der Schule erler­nen (78 Pro­zent) befreit die Eltern aber nicht von ihren Auf­ga­ben. Denn Fami­lie ist der Ort, wo die Medi­en­nut­zung der Kin­dern am meis­ten geprägt wird. Eltern sind Vor­bil­der. Wenn die Eltern am liebs­ten Fern­se­hen, geht es ihren Kin­dern auch so. Wenn die Eltern lie­ber im Inter­net sur­fen, dann haben auch die Kin­der eine hohe Bin­dung ans Inter­net (Kim-Studie, 2010: S. 60). Für Eltern ist übri­gens das Fern­se­hen das wich­tigste Medium, gefolgt vom Inter­net. Dabei deut­lich zu erken­nen: Für Eltern mit Haupt­schul­ab­schluss ist Fern­se­hen sehr viel wich­ti­ger als für Eltern mit Abitur. Für diese Eltern mit höhe­rem Bil­dungs­hin­ter­grund ist das Inter­net dafür um so wich­ti­ger (KIM-Studie: vgl. S. 59).

Im Umkehr­schluss heißt das auch: Um so nied­ri­ger der Schul­ab­schluss der Eltern, um so gerin­ger die Chance der Kin­der zu ler­nen, wie man mit dem Inter­net umgeht. In Zah­len: Eltern mit nied­ri­ge­rem Schul­ab­schluss haben laut der KIM-Studie eine gerin­gere Bin­dung ans Inter­net, als Eltern mit hohem Bil­dungs­ab­schluss (Haupt­schule: 10 Pro­zent, Abitur/Studium: 23 Pro­zent). Und sie ken­nen sich nicht so gut damit aus. 67 Pro­zent der Eltern mit Haupt­schul­ab­schluss sind – nach eige­ner Aus­sage – gut oder sehr gut infor­miert, bei den Eltern mit Abitur und Stu­dium sind das mit 86 Pro­zent wesent­lich mehr (vgl. S.64).

Für Kin­der­ta­ges­stät­ten und Schu­len bedeu­tet das, dass sie ver­su­chen müs­sen Eltern in die Medi­en­bil­dung ihrer Kin­der mit­ein­zu­be­zie­hen, um eine Know­ledge Gap zu ver­hin­dern (vgl. S.24). Denn alle Kin­der sol­len eine Chance auf Medi­en­kom­pe­tenz bekom­men, egal wel­chen Schul­ab­schluss ihre Eltern haben. Und der Weg dort­hin führt auch über die Eltern. Diese Ansicht wird auch durch die Ergeb­nisse der KIM-Studie gestützt:

 „Das Eltern­haus ist die wich­tigste Sozia­li­sa­ti­ons­in­stanz auch beim Thema Medien. Die Art und Weise wie Eltern, Geschwis­ter oder Groß­el­tern das Medi­en­bu­kett nut­zen, schlägt sich direkt oder indi­rekt auf die Medi­en­prä­fe­ren­zen der jün­ge­ren Kin­der nie­der“ (Kim-Studie: S. 60).

 

Eltern ste­hen also vor der Her­aus­for­de­rung, sich dem Inter­net anzu­neh­men, um ihren Kin­dern den rich­ti­gen Umgang vor­zu­le­ben. Dabei müs­sen sie akzep­tie­ren, dass Inter­net mehr bie­tet als sie ken­nen und nut­zen oder ver­mu­ten und fürchten.

Sie soll­ten des­halb Risi­ken der Inter­net­nut­zung ken­nen­ler­nen, aber „ins­be­son­dere auch die unzäh­li­gen Chan­cen ihrer Kin­der in der digi­ta­len Gesell­schaft erken­nen“ (Medienkompetenz-Zwischenbericht der Enquete-Kommission „Inter­net und digi­tale Gesell­schaft“, 2011: S.25).

Auch müs­sen sie ler­nen, dass Medi­en­kom­pe­tenz nichts mit Ver­bo­ten zu tun hat. Das wird ins­be­son­dere bei der stei­gen­den mobi­len Inter­net­nut­zung (Smart­phone) deut­lich. Die stän­dige Ver­füg­bar­keit von Inter­net ver­än­dert unsere Nut­zungs­ge­wohn­hei­ten und hebelt bis­her gel­tende Regeln aus: „Damit wer­den kom­mu­ni­ka­tive Ange­bote stän­dig ver­füg­bar und aus tra­di­tio­nel­len sozia­len Nut­zungs­kon­tex­ten her­aus­ge­löst.“ (S. 8)

 Auch die Art und Weise der Inter­net­nut­zung von Kin­dern und Eltern ist unter­schied­lich, fol­gen­der Tweet von Kai Nehm bringt das gut auf den Punkt:

 

 

Wir hal­ten also fest: Deutsch­lands Schu­len ste­hen vor einem gro­ßen Umbruch ­– falls die Ideen der Enquete-Kommission wirk­lich wer­den. Doch in ihrem Bericht geht die Kom­mis­sion noch wei­ter: nicht nur Schü­ler, auch Senio­ren, Arbeits­lose und eigent­lich alle Men­schen in Deutsch­land sol­len fit fürs Netz wer­den. Die Haupt­pro­bleme: eine unüber­sicht­li­che Anzahl ver­schie­dens­ter För­der­pro­jekte und eine Ver­nach­läs­si­gung der pra­xis­na­hen Forschung.

Teil I: Medi­en­kom­pe­tenz durch Lap­tops?
Teil IIIMedi­en­kom­pe­tenz für alle!

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